Letzte Aktualisierung: 09.09.2025

#11 Zeiterfassungspflicht Teil 2: Was kommt denn jetzt wirklich?

Vertrauensarbeitszeit ... geht in Zukunft noch? Oder doch nicht? Wann kann man ehrlicherweise mit klaren Vorgaben und Ergebnissen Rechnen? In Teil 2 dieser Doppelfolge schauen Simon und Andreas sehr kritisch auf das aktuelle politische geschehen und holen auch die Glaskugel heraus, um einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Transkript:

Einstempeln. Ihr askDANTE Podcast rund um Zeiterfassung, Abwesenheiten, Schichtplanung und bessere HR-Prozesse. Der neue Arbeitstag beginnt.

Andreas: "Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres askDANTE Podcasts. Mein Name ist Andreas Jähne. Und hier ist Simon Hallen."

Simon: "Hallo. Hallo."

Andreas: "Ja, Simon, heute geht es dann in Teil zwei unseres Investigativ-Podcasts. Nachdem wir letztes Mal ja so ein bisschen die Taschenlampe herausgeholt haben und in dem flackernden, staubigen Licht des Archivs nach Gesetzen gewühlt haben und geguckt haben, wie das zustande gekommen ist, wollen wir heute das Archiv so ein bisschen hinter uns lassen und zu dem Thema Zeiterfassungspflicht dann einmal schauen, was jetzt die Zukunft uns eigentlich bringt."

Simon: "Genau, die Zukunft beziehungsweise man müsste fast sagen, erst mal die Gegenwart, ne. Also wir haben jetzt ja seit einigen Monaten eben die neue Regierung. Wir wollen gleich einmal in den Koalitionsvertrag reingucken, was da genau steht und was kommt oder was kommen könnte. Wir erlauben uns, eventuell am Ende noch zumindest zu überlegen, wann könnte denn da mal was kommen. Aber Fakt ist, glaube ich, auch, irgendwas muss und sollte passieren. Ich glaube, vorher haben wir gesagt, wir machen noch mal eine kurze Zusammenfassung zum Status quo."

Andreas: "Genau, für alle, die die letzte Folge nicht gehört haben, also dringend reinhören. Fanden wir auch sehr spannend, uns da einzuarbeiten. Wollen wir das noch mal schnell zusammenfassen?"

Simon: "Können wir noch mal kurz zusammenfassen. Also wir haben so ein bisschen die Brücke geschlagen, dass grundsätzlich das Thema Arbeitszeiterfassung ja eigentlich kein neues ist, sondern dass es eigentlich auch schon länger gibt und dass es eigentlich jetzt irgendwie nicht so die neueste Raketenwissenschaft ist, die wir hier im Prinzip im wahrsten Sinne des Wortes abfeuern, und spätestens eigentlich seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Mai 2019, also vor über sechs Jahren, ja verpflichtend für Arbeitgeber in Europa und damit eben auch in Deutschland eingeführt wurde."

Andreas: "Genau. Und dann eben noch verstärkt durch dieses Bundesarbeitsgerichtsurteil, das dann natürlich auch in der deutschen Presse noch mal breitgetreten worden ist. Weiterhin besteht Unsicherheit. Das gehört auch zum Status quo. Und in all diese Unsicherheit hinein kommt jetzt also eine neue Regierung und ein neuer Tag bricht an. Und am Horizont geht vielleicht auch mit dem Koalitionsvertrag eine konkrete Regelung und Ideen für die Gesetzwerdung der Arbeitszeiterfassungspflicht vielleicht mit auf, Simon. Sollen wir mal zitieren aus dem Koalitionsvertrag?"

Simon: "Ja, sag mal."

Andreas: "Okay. Also der Absatz hier im Bereich zum Thema Arbeit und Soziales. Ich lese mal so ein bisschen quer. Das beginnt mit so was wie: 'Die Arbeitszeit ist im Wandel. Beschäftigte und Unternehmen wünschen sich mehr Flexibilität.' Oha, oha. Großes Wort. Und dann kommt aber, deshalb wollen wir im Einklang mit der Europäischen Arbeitszeitrichtlinie die Möglichkeit einer wöchentlichen anstatt einer täglichen Höchstarbeitszeit schaffen. Auch noch mal so ein spannendes Thema, auch gerade im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Jetzt werden sie in Anführungsstrichen konkreter: 'Zur konkreten Ausgestaltung werden wir einen Dialog mit den Sozialpartnern durchführen.' Auch spannend, was das eventuell heißen könnte. 'Wir werden die Pflicht zur elektronischen Erfassung von Arbeitszeiten unbürokratisch regeln und dafür für kleine und mittlere Unternehmen angemessene Übergangsregeln vorsehen. Die Vertrauensarbeitszeit bleibt ohne Zeiterfassung im Einklang mit der EU-Arbeitszeitrichtlinie möglich.' Okay. Wow. Ja, also das ist, da sind jetzt alle Buzzwords getroffen, glaube ich. Also wir haben elektronische Erfassung, wir haben Vertrauensarbeitszeit, das macht doppelte Punktzahl. Und um die Akzeptanz zu erhöhen, geht es selbstverständlich um Flexibilität, die aber natürlich dafür gedacht ist, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken und nicht für irgendetwas anderes. Also, ihr hört bei Simon schon so ein bisschen raus... wir haben eine gewisse Freude daran, diesen Text zu lesen, weil na ja, da steht jetzt auch nicht so viel Konkretes drin. Es ist halt viel, es ist sehr schwammig, es sind viele Schlagwörter da irgendwie drin. Und wenn wir jetzt mal nur auf das Zeiterfassungsthema gucken, hier steht jetzt also: 'Wir werden die Pflicht zur elektronischen Erfassung von Arbeitszeiten unbürokratisch regeln.' Also erst mal elektronische Erfassung. Das soll geregelt werden. Heißt also kein Papier, keine Stempelkarten mehr, elektronisch soll es sein. Okay. Das passt ja auch zu den Anforderungen der EuGH-Richtlinie, die wir uns angeguckt haben, weil auch da geht es ja um eine elektronische Erfassung und die muss, Simon..."

Simon: "Verlässlich, objektiv und zugänglich, ne?"

Andreas: "Richtig, genau, muss ich sagen. Okay, jetzt steht hier, sie wollen das unbürokratisch regeln. Hm, was heißt denn unbürokratisch? Was heißt denn unbürokratisch?"

Simon: "Ja, das kann ja irgendwie auch, na ja, das kann ja auch irgendwie alles... Was bedeutet das? Also auf jeden Fall ist das ein interessantes Framing. Da kommen wir vielleicht nachher noch mal ein bisschen so zu diesem Begriffsframing so außenrum. Also Arbeitszeiterfassung, jedenfalls wenn man das mit askDANTE macht, ist ja jetzt erst mal die Einführung eines IT-Systems. Und ich weiß jetzt nicht, wo der bürokratische Teil dessen irgendwie ist und wie man das unbürokratisch machen kann. Es sei denn, man würde planen, in der Regierung irgendwo eine geheime Dienststelle zur Überwachung von Arbeitszeiten durch den Geheimdienst oder so was zu planen, wo dann alles in Akten abgelegt wird. Aber das ist ja irgendwie... also Bürokratiethematik allein schon vom Wording her in die Nähe der Zeiterfassung zu rücken, das ist irgendwie... da hat man das Gefühl, da wird so Klientelsprache bedient, ne. Also es muss unbürokratisch sein. So, okay, dann steht dabei: 'und dabei für kleine und mittlere Unternehmen angemessene Übergangsregeln vorsehen.'"

Andreas: "Ja, das ist so."

Simon: "Ja, und es wird niemandem wehtun. Genau. Wir wollen niemanden irgendwie... wir wollen niemandem wehtun. Auf der anderen Seite ist es das, was wir vom Gesetzgebungsverfahren eigentlich grundsätzlich kennen, auch beim Thema E-Rechnung oder so. Da gibt es halt Übergangsfristen. Das ist ja auch irgendwie nichts Neues."

Andreas: "Auch 'angemessen' ist eher so ein Wort. Ja, das ist halt relativ inkonkret. Bleibt erst mal so stehen."

Simon: "Genau. Erst mal der eigentliche Kernsatz zur elektronischen Arbeitszeiterfassung, auch mit Bezug auf BAG-Urteil, EuGH-Urteil, ist maximal unkonkret."

Andreas: "Ja. Ja, bis auf: Ja, wir werden was machen oder wir wollen was machen. Wir haben die Absicht, etwas zu tun. Dann kommt dieser Nachsatz: 'Die Vertrauensarbeitszeit bleibt ohne Zeiterfassung im Einklang mit der EU-Arbeitszeitrichtlinie möglich.' Simon, toll! Vertrauensarbeitszeit existiert weiter. Dann brauchen die Unternehmen ja doch keine Arbeitszeiterfassung."

Simon: "Tja, aber so einfach ist es eben nicht. Also letztendlich muss man dazu auch sagen, Vertrauensarbeitszeit ist so im Rahmen dieser EU-Richtlinie und dieses Urteils eigentlich so gar nicht wirklich berührt. Also das ist vielleicht jetzt auch ein deutsches Phänomen, keine Ahnung, aber es ist auf jeden Fall was, was da eigentlich gar nicht so berührt ist. Also das in Einklang zu bringen und dann dafür auf Zeiterfassung zu verzichten, da ist erst mal die Frage: Ist denn das überhaupt möglich?"

Andreas: "Ja, und es ist ja auch die Frage, was ist eigentlich Vertrauensarbeitszeit? Und da haben wir ja im Vorgespräch auch schon festgestellt, da gibt es ja vielleicht auch so unterschiedliche Erlebniswelten. Wenn man mal guckt, was Vertrauensarbeitszeit ist, dann findet man ganz häufig so Formulierungen, bei denen es darum geht, irgendwie aufgabenbezogen zu steuern und nicht so sehr dann Arbeitszeiten zu steuern. Und dass Flexibilität da ist, damit man sich das einteilen kann. Und dass da irgendwie weniger Bürokratie oder weniger Festlegung, weniger Kontrolle, eine andere Kultur irgendwie dahintersteht. Aber es geht halt darum, irgendwie auch Flexibilität für den Arbeitnehmer zu schaffen. Das hört sich ja auch erst mal irgendwie super an, weil dann bin ich vielleicht ein bisschen freier, und für den Unternehmer halt eine andere Steuerung, auch im Management seiner Aufgaben und in der Verteilung seiner Aufgaben dann dort zu haben, ne. Das ist Vertrauensarbeitszeit."

Simon: "Im Prinzip ja genau. Also es ist halt ergebnisorientiert. Es muss irgendwas in der Zeitspanne, in der gegebenen Zeit irgendwie erledigt werden, aber der Arbeitnehmer ist im Prinzip selbst auf Vertrauensbasis, wie man es auch mal sagen möchte, darauf angewiesen, das dann eben in der Zeit zu schaffen. Ungefähr so jedenfalls, ja. Das ist das, was man so zu Vertrauensarbeitszeit liest."

Andreas: "Ja, und interessanterweise ist es jetzt nicht das, was ich erlebt habe. Also ich weiß jetzt nicht genau, was du so erlebt hast, Simon, aber ich war ja früher auch als Consultant tätig, da habe ich ja so mehrere unterschiedliche Unternehmen in unterschiedlichen Branchen dann auch von innen erleben dürfen. Und Vertrauensarbeitszeit habe ich ganz häufig dann auch so erlebt, dass es dann halt heißt: Ja, das muss dann halt gemacht werden. Du machst das jetzt halt. Aber ich will gar nicht wissen, wie lange du dafür gebraucht hast. Es ist mir auch egal, wann du das machst, ob du es nachts, samstags, sonntags oder wie auch immer machst, aber Montag will ich das auf dem Tisch haben. Und das erzeugt natürlich – und das muss es nicht zwangsläufig –, aber bei einigen – und ich weiß jetzt nicht, ob es nur die schwarzen Schafe sind, die ich erlebt habe oder nicht –, führt das natürlich auch zu so einer Kultur des omnipräsenten Drucks, der so auf Arbeitnehmer ausgeübt wird, weil dann gesagt wird: 'Ja, ich vertraue dir ja so sehr und du wirst es ja selber schon alles schaffen. Und wir haben ja auch so ein tolles Miteinander, so eine Vertrauenskultur, aber hier bitte Dienstagabend, 16 Uhr, EOB, wie man so schön sagt – End of Business Day – hast du das auf dem Tisch. Ist mir egal, wie du es machst.'"

Simon: "Ja. Also ich kenne das auch von einem alten Arbeitgeber. Da gab es auch dieses Modell der Vertrauensarbeitszeit, und das war grundsätzlich schon auch akzeptiert, sage ich mal, aber man hat schon auch die Schwächen einfach gemerkt, vor allen Dingen, was das Thema Dokumentation eben angeht. Der eine hat sich vielleicht einen Zettel geschrieben, der nächste hat es irgendwie in eine Excel-Tabelle eingetragen, der dritte hat es gar nicht gemacht, der vierte hat es im Kopf. Und am Ende, ob das wirklich auch immer in puncto Fairness so das richtige Modell ist, das ist natürlich auch branchen- und arbeitgeberabhängig. Keine Frage. Aber ich würde mich fast... ich habe mich im Vorgespräch schon fast zu dieser polemischen Aussage hinreißen lassen: Ist das eigentlich noch so zeitgemäß? Vielleicht für ein paar Randbereiche et cetera, Agenturen. Das ist meine persönliche Meinung jetzt, ne, aber wir sind ja auch dazu da, um mal Meinungen auszutauschen hier. Und da bin ich mir nicht so sicher. Gerade was das Thema Dokumentation angeht, auch vor dem Hintergrund dieses BAG-Urteils, eben wirklich das Thema Beginn, Ende, Dauer, Pausenabzug, bin ich mir nicht sicher, ob das so im Einklang mit dieser Vertrauensarbeitszeitdefinition geht und dementsprechend – und das ist ja das, was der Koalitionsvertrag eigentlich suggeriert – im Einklang mit dieser EU-Richtlinie steht."

Andreas: "Und jetzt wird es ganz besonders spannend. Was im Europarecht gilt und was auf dem juristischen Parkett gilt, das muss ja auch nicht das sein, was wir in unserer Begriffsbildung irgendwie im Alltäglichen erleben. Insofern empfinde ich auch diesen Satz in diesem Koalitionsvertrag schon so ein bisschen als Klientelbefriedigung auf der einen Seite, weil da steht drin, Vertrauensarbeitszeit bleibt vorhanden, und andererseits gibt es gleich die Einschränkung hintenraus: im Einklang mit dem EuGH-Urteil oder Europarecht. Und da muss man sich einfach fragen: Ja, geht das überhaupt?"

Simon: "Genau. Und die Recherche zeigt ja, dass das doch noch geklärt werden muss. Und wir wissen alle, Klärung findet am Ende erst vor Gerichten statt. Aber man muss sich natürlich schon mal die Frage stellen, wenn man auch sozusagen an Sinn und Zweck dieser ganzen Arbeitszeiterfassungsdiskussion guckt – und da noch mal Verweis auf die alte Folge: Es geht ja im Kern um Arbeitsschutz."

Andreas: "Ja, genau."

Simon: "Und es geht um die Einhaltung von Mindestarbeitszeiten, von Pausen, von Ruhezeiten und so weiter. Da stellt sich ja schon die Frage: Ist das überhaupt vereinbar, nichts aufzuzeichnen und dann den Arbeitgeber letztendlich auch zu entbinden, da jetzt irgendwie zu kontrollieren? Weil das ist ja die Aufgabe des Arbeitgebers. Und der alte Referentenentwurf der alten Bundesregierung..."

Andreas: "Ja, den hatten wir auch."

Simon: "...der hat ja genau diesen Aspekt auch aufgegriffen und hat den Arbeitgeber auch genau da nicht aus der Pflicht entlassen, wahrscheinlich wohlwissend, dass das juristisch nicht aufgehen wird, wenn man das halt so machen will. Insofern ist das Versprechen hier so einer unbürokratischen Regelung, unter der alles so bleibt wie bisher, aber wir kommen jetzt irgendwie über diese Hürde... das werden am Ende dann erst die Gerichte zeigen, ne."

Simon: "Ja, auch das Thema Flexibilität, das haben wir jetzt ja auch schon ein bisschen gestreift. Und dann hat ja unser Bundeskanzler auch gesagt, wir müssen in Deutschland aber wieder mehr arbeiten, von wegen Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance überlegt man, und effizienter arbeiten. Auch da bin ich mir nicht so sicher, ob das mit diesem Thema Flexibilität so dann pari ist und gleichzeitig trotzdem zu sagen: Vertrauensarbeitszeit ohne Zeiterfassung. Ich weiß nicht, ob man dann mit Vertrauensarbeitszeit aber trotzdem das... Also es steht für mich nicht in dem direkten Zusammenhang mit dem Thema Produktivität. Wir müssen wieder effizienter werden, das hat er ja auch gesagt."

Andreas: "Ja, also der ganze Themenkontext und was du eben gesagt hast... du hast ja schon ganz klar gesagt, das ist jetzt persönliche und politische Meinung. Und es ist natürlich jetzt so, wir sind jetzt hier extrem in unserer eigenen Sichtweise auf die Dinge natürlich unterwegs..."

Simon: "Ein bisschen voreingenommen."

Andreas: "...und geben da so unseren politischen Kommentar vielleicht dazu ab. Aber das ist ja vielleicht auch genau das, was wir mal machen müssen, um irgendwie auch unsere Haltung dazu zu zeigen. Du hattest eben gesagt: 'Ist das denn noch zeitgemäß, Vertrauensarbeitszeit?' Und wir hatten im Vorgespräch dann so die steile These aufgestellt: Is Vertrauensarbeitszeit möglicherweise eine Auswirkung der Denkweise aus der Boomer-Generation? Weil natürlich stellt sich die Frage: Macht Vertrauensarbeitszeit Sinn vielleicht nur im Kontext mit so klassischem Karrieredenken aus dieser Boomer-Generation, so Vorankommensdenke und so weiter? Ist Vertrauensarbeitszeit für Gen Z überhaupt das Richtige oder nicht? Diese Generationenfragen, die sind ja, finde ich, schon spannend."

Simon: "Das ist ja fast schon eine nächste Podcast-Folge."

Andreas: "Das ist es definitiv. Deswegen machen wir dann vielleicht... wir machen eine Trilogie daraus."

Simon: "Ja."

Andreas: "In jedem Fall im Kern die Geschichte hinter der Rechtsprechung: Es geht um Arbeitsschutz. Und die Frage, die man sich vielleicht stellen kann, ist: Wie stelle ich Arbeitsschutz sicher? Ist der Unternehmer eigentlich verpflichtet, auch dafür zu sorgen, dass bei seinen Arbeitnehmern Gesundheitsschutz und so weiter erbracht wird? Und wenn man das eigentlich konsequent so durchdenkt, dann muss man irgendeine Dokumentation und Handhabe da reinbringen, damit der Unternehmer das kann. Und das spiegelt sich dann genau auch in verschiedenen Einschätzungen wider, auch auf unterschiedlichen, vertrauenswürdigen Seiten im Netz. Die sagen dann halt: 'Ja, also das mit der Vertrauensarbeitszeit, das wird vielleicht in einigen Randbereichen gehen und in einigen Sonderfällen.'"

Simon: "Genau. Aber generell erst mal ist das mit dem europäischen Recht, was du einfach eingangs sagtest, gar nicht so richtig zu verheiraten."

Simon: "Genau, richtig. Ja, wow. Also interessant, wie wir das jetzt so bis hier skizziert haben. Jetzt sind wir noch mal in der Gegenwart. Ich würde jetzt gerne noch mal... jetzt kommt wieder der Vertriebler, natürlich wie immer, der auch die aktuelle Situation noch mal beleuchtet. Wir haben ja in der vergangenen Folge über die Entwicklung über die letzten Jahre auch gesprochen. Haben auch gesagt, nach dem BAG-Urteil im September 22 haben wir selber in 23 ja schon auch den deutlichen Anstieg einfach an Anfragen, an Kundenwünschen, an Interesse gespürt und gesehen. Ich will jetzt nicht sagen, das Ganze ist wieder abgeebbt, aber man merkt schon im Verlauf des letzten Jahres so ein bisschen eine Art Konsolidierung, so würde ich es vielleicht bezeichnen. Und eben auch diese Unsicherheit, dass viele halt sagen: 'Na ja, ich bin dem Gesetzgeber aber voraus. Das ist für mich essenziell wichtig, weil ich auch weitere Prozesse damit verbinde.' Und andere aber gesagt haben: 'Na ja, bevor jetzt nicht aber wirklich schwarz auf weiß das hier steht, dann warte ich eben noch ein bisschen.' Was erwarten wir denn eigentlich jetzt davon? Also was denken wir, wie es passiert? Hast du da eine Meinung zu?"

Andreas: "Also ich hole mal gerade... ich hole gerade kurz meine Glaskugel raus. Sie können das nicht sehen, aber..."

Simon: "Aber ich habe jetzt hier..."

Andreas: "...genau, ich habe gerade meine Glaskugel herausgeholt und habe sie schon mal so ein bisschen nach vorne justiert. Was erwarte ich denn, was vielleicht Ende 2026 ist oder nicht? Also erst mal zu der Gesetzgebung: Wir haben jetzt gerade gesehen, dass gerade vor ein paar Tagen erst über diese ganze Arbeitszeitflexibilisierung die erste Gesprächsrunde mit den Sozialpartnern begonnen oder eingeleitet worden ist."

Simon: "Genau, richtig."

Andreas: "Das heißt also, jetzt im Sommer 2025 fangen die Sozialpartner an, Termine zu machen, wann sie sich denn unterhalten, wie man das denn machen möchte. Und das Thema ist ja viel größer als Zeiterfassung. Das Thema ist Flexibilisierung von Arbeitszeiten. Da wird Arbeitszeiterfassung ein Teil dessen sein. Ernsthafterweise erwarte ich aber nicht vor Mitte nächsten Jahres, dass irgendetwas Brauchbares dabei herauskommt. Denn das haben wir ja schon bei der alten Regierung gesehen. Wir haben halt diesen Referentenentwurf gehabt und der war dann irgendwie fertig. Der ist sogar schon kursiert, und trotzdem ist er nicht zur Abstimmung gekommen."

Simon: "Mhm. Genau."

Andreas: "Und das heißt, wir werden auch hier in diesem parlamentarischen Prozess erst mal Diskussionen haben und dann wird es Vorschläge geben. Das dreht dann drei Runden durch alle Fraktionen, und dann gibt es irgendwann einen Referentenentwurf, der dann zur Abstimmung kommt. Vielleicht, aber das wird ja nicht vor der Sommerpause nächsten Jahres passieren. Also ich kann es mir nicht vorstellen, will ich mal so rum sagen."

Simon: "Ja, ja."

Andreas: "Dafür läuft jetzt die Zeit zu schnell, weil Weihnachten... also ich meine, jetzt haben wir..."

Simon: "Na ja, aber..."

Andreas: "Wir haben jetzt August, aber es geht immer alles rasend schnell, auch über den Jahreswechsel und so weiter. Ich glaube nicht, dass das vor der Sommerpause nächsten Jahres kommt. Heißt also, selbst wenn wir in der zweiten Jahreshälfte '26 zu einem Gesetz kämen, würde man ja die Übergangsfristen frühestens Anfang '27 starten. Die werden also mindestens ein oder zwei Jahre betragen, so wie das auch in dem alten Referentenentwurf angesagt war. Das heißt also, wir haben '26, '27 würde es anfangen, '28... wir hätten vielleicht zwei, vielleicht 2029 dann wirklich die finale Pflicht zur Arbeitszeiterfassung."

Simon: "Au."

Andreas: "Und dann haben wir halt auch die Dekade voll, würde ich sagen, zum EuGH-Urteil. Seitdem besteht die Pflicht, das dürfen wir nicht vergessen."

Simon: "Ja, ja, genau. Und wir reden jetzt hier davon, dass der rechtliche Rahmen klar geregelt wird. Die Gerichtsurteile, BAG-Urteil und EuGH-Urteil sagen ja ganz klar, dass die Zeiterfassungspflicht eigentlich jetzt auch schon existiert."

Andreas: "Ja. Also eigentlich dürfte es auch gar keine Unsicherheit geben."

Simon: "Ja."

Andreas: "Nur der Gesetzgeber schafft es nicht, das Ganze in echtes, finales deutsches Gesetz zu bringen."

Simon: "Genau so ist es."

Andreas: "Und ich möchte mir – das ist so meine Prognose – nicht vorstellen, wie diese Diskussionen hinter verschlossenen Türen dann ablaufen, weil da gibt es ja bestimmt zwischen den unterschiedlichen Flügeln der unterschiedlichen Koalitionsteilnehmer und den Sozialpartnern..."

Simon: "Ja, vermutlich."

Andreas: "...bestimmt die eine oder andere Diskussion, wie das Ganze auszugestalten ist. Also das würde ich mal auf jeden Fall so erwarten. Dann haben wir aber noch ein anderes Thema, und das ist vielleicht der Digitalisierungszug allgemein."

Simon: "Genau. Der rollt ja trotzdem."

Andreas: "Also es ist ja vollkommen egal, ob jetzt diese Gesetzgebung kommt oder nicht. Wir alle müssen uns ja auch für die digitale Zukunft anpassen, auch die Unternehmen. Und man muss sich vielleicht tatsächlich die Frage stellen: Ist die Vertrauenszeiterfassung zeitgemäß? Ist das ein Modell, was wir in Zukunft betreiben wollen? Ist das etwas, was junge Arbeitnehmer anspricht? Ist das etwas, was in die Digitalität unserer Zeit überhaupt passt? Ist das etwas, was in die Work-Life-Balance besser hineinpasst als ein Zeitkonto? Und da sind wir nur auf der Zeiterfassungsseite. Die andere Seite ist: Was ist mit sonstigen HR-Prozessen? Was ist mit dem Urlaubsantrag? Was ist mit meiner Dienstplanung? Was ist mit, keine Ahnung, einer HR-Funktion, die wir in askDANTE auch jetzt haben?"

Simon: "Genau."

Andreas: "Und insofern, finde ich, kann man das Ganze... ich sage es mal so ein bisschen abschätzig... das ganze Theater um die Rechtsprechung, das kann man natürlich... das können wir vielleicht ein bisschen genießen, aber trotzdem müssen Unternehmen ja digitalisieren. Und diese Angebote sind ja auch heute schon da, und die machen auch unabhängig von der Gesetzgebung in jedem Fall Sinn, weil es halt so viele andere Faktoren gibt, die da mit reinspielen. Und da komme ich jetzt wieder auf dieses Gen-Z-Ding: Was passt denn besser zu denen? Was ist auch das Fairere? Mein Punkt wäre jetzt noch referenziert auf das, was wir jetzt ja schon oft zitiert haben: Was ist denn da eigentlich genau der unbürokratische Weg? Der Weg der digitalen Erfassung mit einem Mitarbeiter-Selfservice, in dem ich mich selbst beauskunften kann, in dem ich alles selbst einsehen kann? Oder ist der unbürokratische Weg die Vertrauensarbeitszeit mit einem Urlaubsantrag, den ich auf Papier ausfülle und dann irgendwie..."

Simon: "Oder per E-Mail versende."

Andreas: "...per E-Mail irgendwie versende. Also für mich selber habe ich die Frage, wie Sie vielleicht merken, schon auch beantwortet, aber kann man ja auch noch mal darüber nachdenken: Was ist da der Weg? Und ich glaube, dass wir da gut helfen können, den Weg in die digitale Zukunft eben zu ebnen mit allem, was das da so bietet."

Simon: "Da kommt der Vertriebler wieder raus. Ist auch richtig."

Andreas: "Ja, ist ja richtig. Gut, also insofern abschließend möchte ich noch mal ganz kurz, ganz, ganz, ganz kurz, weil ich finde das wirklich so superspannend, das Thema Framing von Begriffen: Unbürokratische Regelung der Arbeitszeit. Alleine, dass das in diesem Koalitionsvertrag drinsteht. Das rückt halt Bürokratie in die Nähe von Zeiterfassung, und unbeabsichtigt denkt man: 'Ja, okay, wenn diese Regierung nicht dran wäre, dann wäre es ein bürokratischer Akt.' Das wäre es wahrscheinlich auch in der letzten Regierung schon nicht gewesen, und das wäre es vielleicht auch davor schon nicht gewesen, aber trotzdem wird das so in diesem Framing da mit reingebracht. Genauso dieser Begriff 'Vertrauensarbeitszeit'. Was ist denn das Gegenteil von Vertrauensarbeitszeit? Nicht-Vertrauensarbeitszeit oder Kontrollarbeitszeit oder was? Oder was ist das denn dann? Also Vertrauensarbeitszeit bekommt durch diesen Begriff eine positive Bedeutung. Und Sie haben eben schon rausgehört, dass wir halt auch infrage stellen aus unseren Erlebnissen, ob das denn in jedem Fall wirklich auch immer positiv ist. Ich werbe einfach jetzt abschließend für Fairnessarbeitszeit. Und Fairnessarbeitszeit ist, wenn es zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Vertrag gibt, darin halt Leistung und Entlohnung geregelt sind, und wenn dann eben auch Mehrleistung entsprechend abgerechnet werden kann. Und das finde ich für beide Seiten fair. Das ist für beide Seiten transparent, und das ist das, was askDANTE wie andere Lösungen auch prozessual anbietet."

Simon: "Genau. Und ich glaube auch, das ist das, was wertschätzend für Mitarbeiter ist. Das ist mein Schlusswort. Also Wertschätzung für Mitarbeiter hat was mit Fairness zu tun, und das hat auch was dann vielleicht mit der Arbeitszeiterfassung zu tun."

Andreas: "Okay, dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, ehrlich gesagt. Sie können das jetzt hier nicht sehen, aber der Andreas Jähne, der strahlt mich jetzt von gegenüber an."

Simon: "Genau. Dementsprechend, ja, ich hoffe, Sie haben da was mitnehmen können. Das war auf jeden Fall auch für uns eine spannende investigative Recherche. Beim nächsten Mal wird es vielleicht wieder thematisch ein bisschen anders gelagert. Aber dementsprechend... wenn Sie jetzt die erste Folge noch nicht gehört haben, gerne noch mal reinhören. Gerne noch mal so ein bisschen auf die Historie auch schauen. Und ansonsten hören wir uns das nächste Mal wieder, wenn es wieder heißt: einstempeln. Nicht wahr? Bis dann."

Andreas: "Genau. Tschüss."

Simon: "Tschüss. Und ausstempeln."

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